2. Februar 2017

Dem Verein Wassermühle Karoxbostel e.V. wurde der mit 15000 Euro dotierte Landespreis für Denkmalpflege verliehen

Mittwochabend in Seevetal: Die Karoxbosteler Chaussee ist beidseits der Wassermühle gesperrt. Im zuckenden Schein avon Warnlampen erklären junge Feuerwehrleute Autofahrern, was hier los ist. Zum Glück nichts Schlimmes. Ganz im Gegenteil. Hier wird gefeiert. Für die vorbildliche Restaurierung des Denkmal-Ensembles bekommt der Verein Wassermühle Karoxbostel e.V. den Landespreis für Denkmalpflege der Niedersächsischen Sparkassenstiftung verliehen.

Zum ersten Mal geht der höchstdotierte Denkmalpreis der Bundesrepublik an ein Projekt im Landkreis Harburg. An diesem Abend werden mit der Urkunde 15000 Euro  überreicht. Das freudige Ereignis  mobilisiert nicht nur Vereinsmitglieder. Mindestens 250 Gäste werden zum Festakt im alten Fachwerkhaus erwartet. Die Straßensperrung sorgt dafür, dass im Gedränge der An- und Abfahrt nichts und niemand zu Schaden kommt.

Ein roter Teppich ist vor dem Eingang ausgerollt und führt direkt zu Herz und Seele des Projekts: Zur Vereinsvorsitzenden Emily Weede. Sie schüttelt unentwegt Hände und nimmt Glückwünsche entgegen. Wer je die Ruine gesehen hat, die der Verein vor fünf Jahren erwarb, weiß, warum so viele Menschen so herzlich Anteil nehmen. Was hier vollbracht wurde, sei nicht weniger als ein Wunder. Das formuliert jeder der Festredner auf seine Weise.

Im großen Stallteil, in dem der Mist nach dem Tod des letzten Hofbesitzers einen halben Meter hoch gelegen haben soll und der jetzt nicht nur sauber ist sondern auch warm vom flackernden Kaminfeuer, sprechen vor dicht gedrängten Zuhörerreihen Landrat Rainer Rempe, Seevetals Bürgermeisterin Martina Oertzen, Heinz Lüers, der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Harburg-Buxtehude und der Präsident des Niedersächsischen Landesamts für Denkmalpflege, Prof. Dr. Stefan Winghart. Der emotionale Vortrag aller Lobreden zeugt von echter Bewunderung für das „einst völlig utopisch erscheinende Herkulesprojekt“, wie Rempe es nennt. 

Männer, Frauen, Greise, Jugendliche und sogar Grundschulkinder applaudieren enthusiastisch. Denn die meisten der Anwesenden haben selbst mit angepackt. Weit mehr als 10000 Arbeitsstunden haben die ehrenamtlichen Mühlenretter – anfangs waren es 88, inzwischen zählt der Verein über 1000 Mitglieder – auf dem 2,5 Hektar großen Areal geleistet. Jeden Sonnabend treffen sich rund 50 freiwillige Helfer zum Einsatz in Karoxbostel. Seit fünf Jahren. So lange die eigene Begeisterung hoch zu halten, allein das sei preiswürdig, bemerkt  Stefan Winghart und löst einen weiteren Beifallssturm aus.

Profi-Handwerker haben sich ebenfalls vielfach unentgeltlich eingebracht. Die heimische Wirtschaft hat aber auch profitiert, wie der Landrat zu berichten weiß. Handwerksbetreibe aus Seevetal und dem Landkreis Harburg haben Aufträge im Wert von 440000 Euro bekommen. Möglich macht das die Unterstützung durch EU-Gelder, viele Stiftungen, Förderer und Sponsoren.

Auch künftig wird es nicht an Möglichkeiten zum Engagement und zu Investitionen fehlen. Zum Denkmalsensemble gehören drei Gebäude: Das Wohn- und Wirtschaftshaus aus dem Jahr 1817, eine Wassermühle mit drei Mahlgängen von 1893 und eine Sägerei aus dem Jahr 1900 mit äußerst seltener Technik, einem sogenannten Venezianischen Gatter. Auch das Backhaus haben die Mühlenfreunde wieder instand gesetzt, dort wird bei Veranstaltungen Kuchen und Brot gebacken. Nun sind sie dabei, das Schweinehaus zum Seminarraum auszubauen. Denn Schulkinder halten sich während der Ganztagsbetreuung häufig auf dem weitläufigen Gelände auf, das inzwischen auch einen Naturpfad hat.

Menschen mit Behinderungen aus dem Haus Huckfeld veranstalten hier Theateraufführungen, es gibt Autoren-Lesungen, Märchenabende, Tagungen, Märkte und Mahltage. Viele Hochzeitspaare lassen sich in der guten Stube trauen,  in der heute der hohe Kachelofen eine wohlige Wärme verströmt, die dazu animiert  auf dem alten Sofa Platz zu nehmen. Die Mühle ist weit mehr als ein Denkmal. Es ist ein Treffpunkt, ein lebendiger Ort der Begegnung. „Hier im Mühlenverein haben viele Menschen einen Platz in der Gemeinschaft gefunden. Hier werden sie wertgeschätzt, hier sind sie unverzichtbar“ sagt Martina Oertzen. „Die Wassermühle ist ein Glücksfall für Seevetal. Und der Mühlenverein ist ein Musterbeispiel dafür, was Ehrenamt zu leisten vermag. “

Vollständiger Artikel (im Hamburger Abendblatt als gekürzter Text erschienen).